IC Vorstellung Aiden Asomi

  • Die Uhr tickt unaufhörlich im immer selben, langweiligen Rhythmus. Tick, Tack, Tick, Tack. Im immer selben, langweiligen Rhtythmus, wie die Frauen am Schalter, die von der bürokratischen Langeweile nahezu zerfressen werden.
    Ich schaute von meinem Stapel an Einreisepapieren auf und legte den angeketteten Stift weg. Genauso angekettet fühlte ich mich im Moment, doch meine Hoffnung sehnte sich nach Freiheit und der Unendlichkeit Amerikas.
    Blatt 34/76, Bogen 1.
    'Haben sie Verbindungen mit dem organisierten Verbrechen oder streben dies an?' Ja, Nein. Ich grinste. Schmuggler und Kleinverbrecher werden sich bestimmt schon am Zoll verraten. Die Amis sind verrückt, doch ich hatte nur noch 42 Fragen und zwei Bögen vor mir.

    Der Wachmann am Eingang saß, halbschlafend, in einem Plastikstuhl und schaute mit einem fernen Blick über sein Publikum. Die Uhr vollendete eine neue Runde und der Stundenzeiger klackte auf 15 Uhr. Es begann erneut ; Tick, Tack, Tick, Tack. Die letzte Mittagshitze brütete über dem schmalen Raum.
    Ich sah zu meiner Mutter rüber. Sie sah alt aus. Nicht, dass sie es wäre oder dass die Reise sie ausgelaugt hat. Sie ist seit nahezu 15 Jahren in diesem verzweifelten Albtraum. 15 Jahre seit dem mein Vater starb.
    Ich legte meinen Kopf in den Nacken und erinnerte mich an meine Vergangenheit zurück.
    Wir lebten schon immer im Problembezirk, direkt zwischen den Gangs. hellblau beanspruchten die Aztecas für sich. Türkis die Mexican Rifa. Und wir lebten dazwischen.
    Mein Vater war Mechaniker, soweit ich das noch weiß. Jedenfalls schraubte er immer überall herum. Meine Mutter war Hausfrau und putzte ab und zu in den Villen außerhalb.
    Vater kam nach dem Vietnamkrieg nach Mexiko. Seine Familie hat im Krieg stark gelitten. Die meisten seiner Geschwister sind durch das Entlaubungsmittel Agent Orange verkrüppelt. Er versprach sich ein besseres Leben und traf eines Tages meine Mutter. Die beiden liebten sich zu tiefst.
    Jedenfalls war der Tag meiner Einschulung. Ich war gerade sechs Jahre alt geworden und ich bekam ein Stipendium für Einkommensschwache Familien. Ich saß aufgeregt mit meiner nötdürftig zusammengeschneiderten Schultüte auf der Verandatreppe. Mutter richtete einen kleinen Kuchen an und Vater schraubte noch am Wagen eines Amigos, Angelo herum.

    Das waren die Jungs der Mexican Rifa. Ganz links steht Angelo.


    Von da an ging alles bergab! Angelo hatte es sich in den letzten Wochen mit den Aztecas stark verscherzt, als er Drogen in ihrem Einzugsgebiet dealte. Sie kannten sein Auto, aber nicht ihn. Und so kam es, wie es kommem musste. Ich sah, wie ein hellblauer Wagen die Straße herabheizte. Aus den Fenstern hingen zwei Typen. Einer mit einem Revolver, der andere mit einer Maschinenpistole.
    Ich kann mich noch daran erinnern, als wäre es gestern gewesen. Und noch immer treibt mir die Erinnerung die Tränen in die Augen.
    Vater drehte sich noch im letzten Moment vom Motor des Autos weg und sah seinen kommenden Tod. Ich sprang auf, fühlte mich so machtlos und sank gleichzeitig mit meinem Vater zu Boden.
    Seit diesem Tag ist meine Mutter in einem nahezu ewigen Stillschweigen. Wenn es nach ihr ginge, wäre sie in Mexiko geblieben.

    Das war mein Vater. Mir war damals nie klar, wie tief er in dieser ganzen Gangscheiße drin steckte. Wir nannten ihn Big Daddy; RIP



    Nachdem wir die bürokratischen Berge erklommen hatten, ging es fast genauso schnell wieder bergab.
    Wir zogen nach San Fierro. Was sich als friedliche Großstadt darstellt, ist ein von Gangs durchzogenes Drecksloch. Nicht, dass es mir dort nicht gefallen würde, nur stört mich die Korruption und die Kriminalität; ein zweites Mexiko sozusagen.



    Das Bild schickte mit unser Nachbar. Er hat den Kofferraum eines Drogendealers in SF. fotografiert.


    Meine Mutter war eine liebenswürdige Person. Aber sie hatte dieses gewisse etwas, was einen an Müttern immer stört. Sie hatte nicht unbegründet Angst vor Gangs, aber mich alle paar Tage daran zu erinnern, dass ich einen legalen Beruf annehmen soll?
    Nagut, das tat ich im Endeffekt auch - Vorerst. Denn viel zu früh merkte ich, dass ich an allen Ecken über den Tisch gezogen werde. Also kloppfte ich mal mit Skimaske und Revolver an der Tür des Truckdepotchefs. Das Gesicht war zu herrlich.
    Mir gefielen also doch Waffen und der legale Berufsmarkt war nichts für mich. So verkaufte ich Waffen im kleinen Stil. Natürlich nicht, ohne meine Abgaben an die Gangs zu zahlen, sonst würde ich hier heute nicht mehr sitzen.


    Nun mein Leben im Schnelldurchlauf: Ich erhoffte mir immernoch den American Dream. Den bekam ich auch; bedingt. Ich fuhr schnelle Wagen und traf hübsche Frauen bei den West Coast Customs. Verkaufte weiterhin Waffen und ab und zu Drogen.
    Doch das wars nicht wirklich. Ich trat aus und versuchte ein richtiges Leben. So wie es Mutter wollte.
    Ich arbeite eine Zeit im Anwaltsbüro und ging dann zum Ordnungsamt. Beides war auf der langen Sicht nichts für mich und so fand ich durch einen Freund, der es auch aus Mexiko rausgeschafft hatte zu einem Vertreter der Mexican Rifa. Die San Fierro Rifa war meine neue Heimat.
    Nun stehe ich hier. Wieder als Mitglied der Rifa und widme mich dem Illegalen. Ich bete dafür, dass meine Mutter nicht bald noch einen Sarg zum Grabe lassen muss.



    ((Ich weiß, ich spiel schon eine Weile, habe aber spontan einen Schreibanfall bekommen. Ich hoffe es wurde nicht zu lange.
    Grüße!))



    "Ich werde mich so lange frei fühlen, wie mir drei Zeitungen ein und dasselbe Geschehen auf drei verschiedene Weisen berichten." ~Luciano De Crescenzo